Mittwoch, 23. April 2008

Wer zahlt für die Alten? Input- versus Innovationslogik

Kazue Haga & Jochen Röpke

21. April 2008

Die Jungen regen sich schon auf, wenn es um die Erhöhung der Renten geht – nicht einmal ein Inflationsausgleich sei zugestanden. Die „Formel“ ist heilig. Keine Ausnahme.

In Italien scheint die Gesellschaft bereits gekippt: „… die Klasse der Vergreisenden (siegt) locker über die junge Generation“[1] In Deutschland wird eine „Rentner-Republik“ ausgerufen: „Die Alten übernehmen die Macht“ (Bild, 10. April).

Mehrgenerationenkonflikt, wachsender Konflikt zwischen denen, die Wertschöpfung erwirtschaften und jenen, die über Transfers versorgt werden. Kommentatoren, Wissenschaft und Politik reagieren, viele empört, über die Abzocke durch die Alten – noch mehr über jene im Politiksystem, die solches ermöglichen. Die Demokratie ist neu zu gestalten, den Alten die Macht der Stimme beschneiden, usf. Mit Alten sind hier immer Konsumenten, nicht Produzenten von Werten gemeint. Der „Senior“ als Wertschöpfer ist out – er zählt als Stimme, als Konsument, als Kostentreiber. Folge: die Nullsumme herrscht. Adam Smith nannte es den „fixed cake“: Schneiden die Alten ein größeres Stück aus dem Kuchen, bleibt für die anderen weniger. Annahme: der Kuchen bleibt wie er ist: fixed.

Ein Blick einige Jahrzehnte in die Zukunft zeigt, was auf uns zukommt. „Uns“ sind diejenigen, die jetzt noch arbeiten. Schauen wir in das Jahr 2050. Wer heute 30 ist, ist dann 70. Arbeitet er noch? Mit 70? Oder 80? Muß er arbeiten? Wir sind gerade bei 67 angekommen, aber bis es soweit ist, dauert noch eine Weile. Die Japaner haben weniger Hemmungen. Einer von drei der über 60-Jährigen, arbeitet noch. Japanische Angestellte erreichen ihre betriebliche Altersgrenze meist mit 60, aber sie erhalten ihre staatliche Rente erst mit 65. Und die alten Japaner stellen die meisten Unternehmensgründer im Land der aufgehenden Sonne.[2] Müssen die heute noch Jungen (= noch Nicht-Ruheständler) länger arbeiten? Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bezeichnen wir als Inputlogik, dem wir eine Innovationslogik gegenüberstellen. Unsere These: Inputlogisch sehen „Lösungen“ „brutal“ (Koch) aus, für alle Beteiligten. Immerhin: Die für die Volkswirtschaft verfügbar Menge an Arbeit steigt mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Diese Mehrmenge an Arbeit ist notwendig (a) weil die Menschen im Arbeitsleben zu wenig verdienen, um eine Altersrente aufzubauen[3]; (b) weil der Staat ihnen, zukünftig, im Alter, keine Existenz jenseits der Armutsgrenze mehr sichern kann; (c) weil die Anreize zur steuerfreien Vermögensakkumulation bescheiden sind; (d) weil akkumuliertes Vermögen, sollte ein Mensch später unter die Sozialhilfeschwelle fallen, der Verpflichtung unterworfen wird, Vermögen zu „entsparen“? (e) weil die Innovationsdynamik nicht ausreicht, ihre Realeinkommen merklich zu steigern.

Werfen wir einen Hinblick auf unser Nachbarland, um zu sehen, was altersmäßig auf uns zukommen könnte. [4] Obwohl der Verstand der Franzosen ihnen sagt: Ich muß länger arbeiten, sie tun es nicht. „Die Gehaltsempfänger wollen immer noch so schnell wie möglich in den Ruhestand“, faßt Les Echos eine Umfrage bei den Beschäftigten zusammen. [5] Die politische Klasse sucht mit Mühe eine Lösung, die „Alten“ länger arbeiten zu lassen. Die Gewerkschaften lehnen es, wie in Deutschland, aus Gründen, die man verstehen kann, bis heute ab. Folge ist eine Explosion der Defizite in den Rentenkassen. Bis zum Jahr, ceteris paribus, 75 Mrd. Euro.[6] Die Franzosen und ihre Gewerkschaften sind zu Recht habgierig. Wenn ein Staat über die Hälfte der Wertschöpfung (53.5%) an sich zieht, und einen beträchtlichen Teil davon für großzügige Alters- und Krankenvorsorge ausgibt, bleibt dem Einzelnen ohnehin wenig. Was soll ich noch mehr arbeiten? Genieße dein Leben, so früh und so oft (Ferien machen) du kannst. „Frankreich ist Weltmeister – zumindest im Urlaub“: 37 Tage.[7]

Aber dies ist erst ein Vorspiel. Die Menschen leben länger und länger und länger. Und viele leben länger gesünder. Die französischen Statistiker haben die Daten:


Eine einfache Rechnung: Jeder 100-Jährige arbeitet bis 60 (gegenwärtig in Frankreich weniger). 40 Jahre bezieht er Rente/Pension. Jedes Jahr 30,000 Euro (Preise von heute). Bis zu seinem Tod sind das 30,000 mal 40 Jahre = 1,200,000 Euro. Bei 60,300 Hundertjährigen kostet die Franzosen das Alter der „centenaires“ 72 Mrd. Gesundheitskosten fehlen noch. Pflege auch. Das was auch noch fehlt ist aber gravierender. Die Schätzungen der Bevölkerungsstatistiker scheinen uns untertrieben.

Zu den laufenden Kosten des Unterhalts der (über) 100-Jährigen kommen die Kosten für Rente, Pflege und Gesundheit der über 10 Millionen 70-Jährigen Franzosen im Jahr 2050.

Aubrey de Grey: „ Der erste 1000 Jahre Alte ist heute weniger als 20 Jahre jünger als der erste 150-Jährige.“[8] Verrückt? Was de Grey sagt, ist genau so Zukunft wie die 60,300 hundertjährigen Franzosen. Allerdings: im Jahre 2030, wenn in Frankreich, mit hoher Wahrscheinlichkeit 30,000 Hundertjährige leben, wird auch klar sein, ob Aubrey de Greys Vermutung mehr als die Vision eines Biogerontologen ist, dessen Sichtweise nunmehr auch Kritiker wie Jay Olshansky (siehe unseren Blog „Dividende der Langlebigkeit“, 17. 1. 2008 und „Wie entstehen Basisinnovationen?“, 17. März 2008) nicht mehr rundheraus verwerfen.[9] Das Risiko, Leute wie De Grey oder Kurzweil (siehe unten) nicht ernst zu nehmen, steigt mit jeder medizinischen Neuerung.

Wer bezahlt das längere Leben? Bei den gegenwärtig in Frankreich wie Deutschland installierten Umlageverfahren zahlen die arbeitenden Generationen. Um einen 100 Jährigen ein menschenwürdiges Leben im Alter zu finanzieren, müssen durchschnittlich 10 Beschäftigte über ihre Sozialabgaben aufkommen. Sagen wir 5 Prozent Abzug vom Einkommen (die andere Hälfte zahlt der Arbeitgeber). Bei einer Lohnsumme von 300,000 (Durchschnittseinkommen mal 10 Personen) sind 5 Prozent 15,000 Euro. Die andere Hälfte zahlen indirekt wiederum die Arbeitskräfte (über geringere Nachfrage nach Arbeit bzw. relativ schlechtere Arbeitschancen aufgrund hoher Sozialabgaben: Verteuerung der Arbeit). Mehr als eine halbe Million Beschäftigte müssten also die 60,300 100-Jährigen über die Runden bringen. Zugegeben: wir haben hier kein Problem, das zu lösen ist, sondern wir erfinden ein Problem. Aber auch dieses wartet auf seine kreative Lösung.

Wir skizzieren zwei Möglichkeiten: Inputlogik (Ressourcenvermehrung; Mehrarbeit; siehe oben) und/oder Innovationslogik (Neukombination der Ressourcen inklusiver jener durch Mehrarbeit erzeugten). Harte Arbeit plus Münchhausen. Beide Möglichkeiten verlangen einen Freiheitsschub in der Gesellschaft: Jeder kann sich, unabhängig vom Alter, in der Wertschöpfungskette engagieren. Ob als Arbeitender, als Unternehmer, als „Kapitalist“ (Sparer, Investor). Gegenwärtig installierte Regeln und Anreizsysteme verhindern oder erschweren ein solches Engagement. Sie dürfen nicht. Oder sie wollen nicht (weil Nichts-Tun höhere Einkommen erzeugt als Tun).

Der Staat müßte beispielhaft voranschreiten, fordern französische Gewerkschaften. „Wir haben eine historische Chance, die Organisation des Arbeitsmarktes grundlegend zu verändern“.[10] Es herrschen Vorurteile über das Vermögen chronologisch alter Menschen, produktiv zu arbeiten (angestellt, selbständig). „Personalchefs ignorieren Demografie“: „Das Kind ist kollektiv in den Brunnen gefallen, weil die Kurzfristdenke gesiegt hat“ (Frank Dievernich, Kienbaum). [11]

Beide Möglichkeiten sind einzubinden in eine Förderung des privaten Vermögensaufbaus, zumindest eine Beendigung seiner Diskriminierung. Alte Menschen bei guter Gesundheit arbeiten länger (auch wenn ihre Einkommen, mit oder ohne Sinken ihrer Arbeitsproduktivität, geringer sind). Die Freiheit für das Humankapital alter Menschen wäre substantiell auszuweiten. Über Altersteilzeit und Teilrente bewirken wir das Gegenteil. Vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigen ist das Gegenteil von dem, was demographisch notwendig wäre, insbesondere, wenn Innovation und Vermögensakkumulation durchhängen. Schwachinnovative Betriebe haben Schwierigkeiten, „Alte“ zu beschäftigen – außer bei substantiellen Lohnzugeständnissen. Hungerlohn für Senioren. In einer Routinewirtschaft mit Marginalneuerungen laufen wir in Riesenprobleme, mit und ohne „Formel“. Eine innovationsdynamische Wirtschaft kann sich Alte leisten. Eine innovationsarme züchtet Armut unter Alten, unvermeidbar. Sie bewirkt auch, zwangsläufig, einen starken Druck - über die Finanzierung von Behandlung von Krankheiten und Pflege, den „Leistungskatalog“ einzuschränken, fördert somit eine langsamere Ausweitung der Lebensspanne. Vollzieht sich Mehrarbeit ohne Anbindung an Innovation, bleibt ihre Wirkung bescheiden. Die Leute verdienen mehr, weil sie mehr/länger arbeiten. Ihre Wertschöpfung je Arbeitseinheit bleibt konstant oder sinkt. Da Alter mit abnehmender Produktivität einhergeht (weitverbreitete Meinung), sinkt auch das Einkommen der Alten. Die Konkurrenz um Arbeitsplätze bewirkt eine tendenzielle Lohnsenkung. Teilzeitarbeiter, Junge, Immigranten spüren das. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit rettet das Rentensystem. Die Kosten ohne Kopplung an Neukombinationen sind hoch. Die Nullsumme regiert.

Ein anderer Weg ist die Neukombination. Die Wirtschaft innovativer machen, insbesondere durch Neugründungen von Unternehmen, und hier wiederum Neugründungen mit hoher Wissensintensität. Wir betonen die neue Unternehmung, weil das Fortschreiben bestehender Basisinnovationen in bestehenden Unternehmen (etwas Automobil) nicht ausreicht. Noch näher am Thema: Beispielsweise haben Pharmaunternehmen haben große Schwierigkeiten, die Radikalität von Bio- und Nanotechnik in Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze umzusetzen.[12] Über medizinische Innovation wird die gesunde Lebensspanne von Menschen weiter verlängert, andererseits jedoch soviel an neuer Wertschöpfung und Arbeitsplätzen geschaffen, daß die Arbeitenden immer noch über ein substantielles Mehr an Einkommen (Kaufkraft) verfügen.

Unterstellen wir die historisch belegte Hypothese: Lebensverlängerung ist eine Funktion der Innovationsdynamik einer Gesellschaft. Betrachten wir hierzu, wie sich die Lebenserwartung vor und nach der industriellen Revolution entwickelt hat.

Der medizinische Fortschrittwährend der kommenden 40 und mehr Jahre könnte die Anzahl der über 100-Jährigen nach oben schnellen lassen. Zudem beschleunigt ein Fortschritt das Eintreten weiterer Fortschritte. Nach dem Law of Accelerating Returns von Ray Kurzweil entwickeln sich neue Technologien (bei Kurzweil Wissen, von dem er, als Amerikaner zurecht, annimmt, es gehe auch in die Anwendung), mehr als exponential. Die Zunahme des Zuwachses an Wissen beschleunigt sich. Der Wissenszuwachs ist exponentiell. Die Rate des Wandels erhöht sich. [13] „Das gesamte 20. Jahrhundert ist gleichbedeutend mit 20 Jahren gegenwärtigen Fortschritts. Und wir machen weitere 20 Jahre Fortschritt in den nächsten 14 Jahren


bei der heutigen Fortschrittsrate, gleichbedeutend dem gesamten 20. Jahrhundert, und danach schaffen wir es in sieben Jahren. Wegen der explosiven Kraft exponentiellen Wachstums, wird das 21. Jahrhundert äquivalent 20,000 Jahren Fortschritt mit der heutigen Fortschrittsrate sein. Das ist 1000-mal mehr als das 20. Jahrhundert.“ Kurzweil sieht einen Evolutionsprozeß am Werk (siehe Abbildung), der in „Epoche 5: Merger of technology and human intelligence“ und „6: The universe wakes up“, eine Fülle neuer Technologien hervorbringt, welche auch den Alterungsprozeß noch stärker dynamisieren, wie weiland die industrielle Revolution.


Quelle: Kurzweil http://www.acceleratingfuture.com/people-blog/?p=1676 As you go out to 2029, one of my predictions is that we will have human-level intelligence by that time–Turing test-capable computers. We will have completed the reverse engineering of the human brain, but this will not be an alien invasion of intelligent machines that will compete with us. We are going to augment our own intelligence and nanobots will be able to go into our brains through the capillaries and interact with the biological neurons. Was bedeutet solches beispielsweise für die Behandlung altersverwirrter Menschen? Kann man überhaupt noch demenzkrank werden (vorausgesetzt, man kann die neue Technik bezahlen), wenn sich die Vision von Kurzweil verwirklicht? Ein Sprung in die gesunde Lebensverlängerung. Demenz ist heute eine sich epidemisch ausbreitende Krankheit mit oftmals tödlichem Ausgang: „Live long enough and you too can get a rotted dilapidated brain. Brain aging is very expensive. Millions of people have cognitive impairment short of dementia“. [14]

In der neukombinativen Gesellschaften sind alte Gesellschaften auch reiche Gesellschaften. Innovationen erzeugen steigende Wertschöpfung pro Kopf und neue Arbeitsplätze. Sie verlängern das gesunde Leben. Der medizinische Fortschritt und eine Umstellung der Lebensweise grenzen eine kognitive Verarmung mit zunehmendem Alter Schritt für Schritt ein. Chronologisch alte Menschen leben länger gesünder, arbeiten länger, sparen und akkumulieren länger. Investitionen in innovative Unternehmen erzeugen hohe Renditen. Innovationen haben einen Münchhauseneffekt.

Mit einem längeren und gesünderen Leben ändert sich das Risikoverhalten, höherrentable Anlagen erleichtern den Vermögensaufbau - wenn der Staat nicht, wie bei der Abgeltungssteuer, eine eigenverantwortliche Altersvorsorge erschwert. Hier kann der deutsche Staat von Frankreich lernen. Die Einführung eines Systems der Besteuerung aus Kapitalvermögen, bei minimalen Freibeträgen, wie in Deutschland, würde in Frankreich einen neuen Sturm auf die Bastille auslösen.

[1]
Dirk Schümer, Kopf hoch, wertlose Greise, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. April 2008, S. 35.
[2]
Haga & Röpke, Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften, Mafex Working Papers, 27. Juli, 2007.
[3]
Kai Belle, 2 Millionen Deutsche schuften für 5 Euro, Financial Times Deutschland, 18. April 2008.
[4]
Laut einer Untersuchung des japanischem Cabinet Office (2005), betragen die staatlichen und privaten Renten in Frankreich 83,5 % der Einkommen der über 60 Jahre alten Menschen, 80,9 % in Deutschland und 74,9 % in Japan. Einkünfte aus Erwerbstätigkeit betragen in Frankreich 9,5 % der Einkommen, 10,2 % in Deutschland aber 17,7 % in Japan. (in japanischer Sprache), Abruf am 01.04.08.
[5]
Die Umfrage ist verfügbar unter www.lesechos.fr/documents. Der Artikel erschien in Les Echos, 28. März, 2008, S. 3.
[6]
Conseil d’orientation des retraites, 2007; zitiert in Le Figaro, Economie, 28. März 2008, S. 19
[7]
Welt Online, 17. April 2008:
[8]
Arguing the scientific feasibility of anti-agin.
[9]
Vergleiche unsere Blogs „Dividende der Langlebigkeit“ vom 17. 1. 2008 und „Wie entstehen Basisinnovationen?“ vom 17. März 2008.
[10]
François Chérèque von der Gewerkschaft CFDT, „Sur la réforme des retraites, François Fillon est amnésique“, Les Echos, 3. April 2008, S. 5.
[11]
Frankfurter Allgemeine, 27. März 2008, S. 15.
[12]
Viele Befunde. Zum jüngsten: Michael Psotta und Stephan Finsterbusch, Biotechnologie: Viel Forschung und wenig Erfolg, FAZ, 18. April 2008.
[13]
Zum Law of Accelerating Returns siehe: kurzweilai.net Abruf am 02.04.08.
[14]
Lifetime Alzheimers and dementia risks calculated, Future Pundit, 19. März 2008.

Samstag, 5. April 2008

Ein Euro pro Tag

Jochen Röpke

Soviel verdient ein Landarbeiter in einem indonesischen Dorf in Westjava, der höchstentwickelten Provinz in Indonesien. Seine Familie, drei Personen, benötigt zum Überleben drei Euro (40,000 Rupiah).[1] Die Landflucht schlägt daher neue Rekorde. Im informellen Sektor der Städte läßt sich etwas mehr verdienen, aber bei 1.8 Millionen Arbeitslosen in Westjava ist das ohne Selbstausbeutung auch nicht zu machen. Immerhin fördert die Provinzregierung das Training von Unternehmertum bei Arbeitslosen,[2] was wir in Deutschland, dem Land der Mitnahmeeffekte, wieder abgeschafft haben. Frau und Kinder bleiben im Dorf. Landwirtschaft wird eine Angelegenheit von Frauen. Die Diskriminierung von Frauen ist hier, sogar ohne EU, chancenlos. Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Land sind rar, versteckte Arbeitslosigkeit verbreitet. Da die Einkommen bereits am Existenzminimum liegen, hilft ihnen auch die deutsche Einsicht wenig, durch Lohnsenkung Arbeitsplätze zu schaffen. Auf die Idee, Geld für Lohnsubventionen à la Nokia zu spendieren, ist noch niemand gekommen. Das Kinderhilfswerk hat sich auch noch nicht sehen lassen. Ihre Berater lassen sich schließlich nicht für einen Euro pro Tag abspeisen. Und die Fahrer von Cayennes in der Londoner City und ihr Master aus Zuffenhausen haben anderes im Kopf als das von ihnen mit verursachte Elend in der Dritten Welt. Wir beobachten eine zweifache Umverteilung des Reichtums: Zwischen Reichen und armen Ländern und innerhalb der armen Nationen. Entwicklungshilfe, auf Indonesisch gesagt: lupalah! Vergiss es! Was passiert? Nichts – außer gelegentlicher Berichterstattung in der Zeitung, auf die sich der Autor stützt. Da gerade die Reisernte im Gang ist, berichten die Medien ausführlich über das, was auf den Dörfern so alles vor sich geht. Über Preise und Einkommen zu reden, ist in Indonesien Teil der Kultur. Jedermann weiß was der Präsident mit nach Hause nimmt. Alles ist optimal geregelt, wie in den Lehrbüchern der Ökonomie, auf deren Grundlage sich die Bundesregierung beraten läßt. Die Bauern verkaufen ihren Reis (Rohreis, gabah) für 2,000 bis 2,500 Rupiah (0.20 Eurocent) pro kg an die Händler. Auf einem Hektar erzeugen sie fünf Tonnen ungeschälten Reis, der ihnen 500 Euro bringt.[3] Natürlich betrachten sie sich als abgezockt – aber schließlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Genossenschaften existieren nicht (mehr). Innovation ist – lehrbuchgerecht – eine Rarität. Neue Arbeitsplätze gibt es daher auch nicht. Die Armut funktioniert also so, wie es das neoklassische Paradigma lehrt: effizient. Die indonesischen Bauern könnten Verdi darüber Nachhilfe erteilen, was einen gerechten Lohn ausmacht. Eine Eigenschaft der Daten über Armut in Indonesien ist ihre Schwankungsbreite. Das Amt für Statistik Indonesiens (Biro Pusat Statistik) schätzt den Anteil der Armen auf 16.5 Prozent der Bevölkerung, die Weltbank auf knapp die Hälfte der Bevölkerung (49 Prozent).[4] Wichtig ist natürlich, wie aus solchen Daten Informationen werden und aus Information sich Wissen erzeugt, insbesondere bei der politischen Klasse des Landes. Als kürzlich eine Mutter und ihre zwei Kinder verhungerten, löste dieses Ereignis einen Minischock im Lande aus - das war es auch schon. Die politische Klasse beschäftigt sich mit sich selbst. 2009 steht die Wahl an. Wie verteilen wir die Sitze? Wie halten wir die Konkurrenz neuer Parteien aus dem System heraus (deutsche Lösung: 5 Prozent)? Wie organisieren wir die Demokratisierung der Demokratie – zu unserem Vorteil? Die Armen bekommen Gutscheine um Lebensmittel wie Speiseöl billiger zu erstehen. In einem Bezirk der Hauptstadt Jakarta verteilen staatliche Unternehmen (Telekom, Bank Mandiri u.a) an 4000 Haushalte Nahrungsmittelpakete im Wert von jeweils 50,000 Rupiah (knapp 4 Euro, in Kaufkraft das Doppelte: Reis, Speiseöl, Zucker, Nudeln): „Corporate social responsibility“. [5] Die Presse berichtet ausführlich, welch großes Geld sich mit Palmöl (und Kokosnüssen, Superersatz für konventionellen Dieselsprit) verdienen lässt. Der Wirtschaftsminister des Landes (Bakrie) mischt über seine Plantagenfirma (Aktien auch in Deutschland gehandelt) kräftig mit.[6] „Der Baum des Lebens“ (Kokospalme) hält unsere Cayennes am Leben. Ave Gabriel, Thank you GWB, danke EU, danke auch den CDU-Lobbyisten für Biodiesel.[7] Der Bioethanolraffinerie von Südzucker produziert politisch-korrekte Güter. Die Todgeweihten grüßen Euch! Immerhin leisten wir unseren Beitrag zum Lebensunterhalt in indonesischen Dörfern. Die ökologischen Erzengel einschließlich Gabriel, vom Gott Gaia auf die Erde gesandt, kommen in unser Land, sogar in God’s Own Nation, stärken unser Bewußtsein, doch endlich mehr Biosprit zu produzieren.

„60 Prozent des Anstiegs des weltweiten Getreideverbrauchs sind der amerikanischen Ethanol-Industrie zuzuschreiben. Sie sorgt nicht nur für hohe Preise und eine zusätzliche Verknappung des Angebots, sie verringert auch die Zahl der Anbauflächen für Lebensmittel – nicht bloß in den Vereinigten Staaten. Wir erwarten Preisanstiege zwischen 50 und 100 Prozent für etliche Agrarrohstoffe.“

Diese Beobachtung macht der Leiter des Rohstoff-Research der Deutschen Bank, Michael Lewis.[8] Der Chef von Nestlé, Peter Brabeck, fürchtet um sein Geschäft: „Wenn man zwanzig Prozent des Treibstoffs mit Biotreibstoffen anreichern will, bleibt zum Essen nichts mehr übrig“.[9] Biotreibstoffe sind ein sprachlicher Affront gegen die Biobranche. „Agrotreibstoffe“ muß es korrekterweise heissen. Die EU wird hier sprachlich auf dem Verordnungswege nachbessern müssen. Dafür hat sie das Recht, die Bürger zu zwingen, ihrem Treibstoff nachwachsende „agrofuels“ beizumischen. Ungehorsam ist hier nicht erlaubt, sogar „illegal“, auch wenn dies, wie so oft, den Wohlstand der Menschen mehrt. Die indonesischen Bauern danken es uns. Den Reis essen sie, teilweise noch selbst - noch. Einige können sich den selbstproduzierten Reis nicht mehr leisten (Ägypten hat die Reisausfuhr mittlerweile eingestellt, berichtet Les Echos, 31. März 2008, S. 11). Beim Speiseöl zum Kochen und Braten müssen sie täglich höhere Preise bezahlen. 13,750 Rupiah pro kg, exakt ein Euro, ein neuer Höchststand.[10] Für den Ökonomen interessant ist die Aussage der Beteiligten: Niemand weiß so recht, auf den indonesischen Märkten, warum die Preise so hoch sind (Die deutsche Botschaft hat ihnen noch keinen Kontakt mit den allwissenden Klimaforschern aus Potsdam ermöglicht). Das Entdeckungsverfahren des Marktes (F.A. Hayek) funktioniert in Reinkultur. Indonesien produziert eigentlich genug Palm- und Kokosöl. Aber die Plantagen verkaufen es auf dem Weltmarkt bei rasant steigender Nachfrage - für die Produktion von Kraftstoff (biofuel). Zumindest die Orang Utans (Waldmenschen) und Tiger und Elefanten haben es besser. Sie brauchen sich um ihr Überleben keine Sorgen mehr zu machen. Palmölplantagen ersetzen den Urwald. Der einzige Lichtblick: den Tibetunterdrückern geht es an den Kopftopf. Die Han leiden wie die indonesischen Pribumis. Der Preis für Speiseöl stieg auch in China um nahezu 50 Prozent. Die Rache des Buddha nimmt noch schlimmere Züge an. Schweinefleisch, ohnehin nicht hallal, verschwindet vom Speisezettel der Armen. Zu teuer, die Mast ist für die Bauern unerschwinglich, zudem wüten Seuchen in den Schweineställen. [11]Japan hat schon im vergangen Jahr die Ausfuhr von Reis nach China eingestellt und auf gute Geschäfte verzichtet. Alzheimertest „Gewöhnlicher Reis wird für Y 16,000 (€ 95) pro Sack (bag) in Japan verkauft. Aber er kostet Y 78,000 in China. Sogar jemand mit Alzheimer kann sehen, was von 16,000 und 78,000 das teurere ist.“ Taro Aso, japanischer Außenminister, über die Vorteile japanischer Reisexporte nach China. Financial Times, 21. Juli, 2007, S. 3. PS. Der Minister erntete ob des Vergleichs Proteste mußte sich entschuldigen.
Kleben wir wenigstens einen Aufkleber mit Tigerkopf in unsere Cayennes, damit wir uns daran erinnern, wem wir für unseren Tankinhalt dankbar sein dürfen. Und jede Krise bietet ihre Chance, im Jahr der Ratte ohnehin: Ob Hedgefonds oder Kleininvestor, jeder hat die Chance mitzuspielen. Die ersteren verdienen steuerfrei, die letzteren, wenn sie das Zertifikat A0NAWS kaufen, zahlen ihre Abgeltungssteuer, denn Biodieselsubventionen gibt es nicht umsonst.
[1]
Kompas, 25. Februar 2008, S. A, Urbanisasi sulit dibendung (Urbanisierung schwierig einzudämmen).
[2]
Kompas, 27. Februar 2008, S. C: 1,8 juta penganggur terdidik di Jabar (1.8 Millionen Arbeitslose erhalten Training in Westjava).
[3]
Kompas, 28. Februar 2008, S. J: Petani mendesak agar harga gabah dinaikkan (Bauern machen Druck für steigende Preise für Reis).
[4]
Kompas, 9. März 2008, S. 2: Data BPS tentang kemiskan.
[5]
Kompas, 9. März, 2008, S. 4: 4.000 RT sangat miskin di DKI dapat bantuan (4000 sehr arme Haushalte erhalten Hilfe in Jakarta).
[6]
Heri Susanto, Melesat minus tenaga kerja (Wachstum ohne Arbeitskräfte), Tempo, 9. März 2008, S. 70-71.
[7]
Klaus Stratmann, Unionspolitiker wollen Biodiesel retten, Handelsblatt, 14. März 2008, S. 6.
[8]
„Die Rallye geht weiter“, Interview, Wirtschaftswoche Nr. 10, 3. März 2008, Agrarrohstoffe: Die längste Rallye der Geschichte.
[9]
In NZZ am Sonntag, zitiert nach Le Monde, 30. März 2008, S. 13.
[10]
Kompas, 29. Februar 2008, S. 26: Minyak goreng mencapai Rp. 13.750 per kg (Öl zum Braten und Kochen erreicht 13,750 Rupiah pro kg).
[11]
Yann Rousseau, Inflation: Pékin annonce de nouvelles aides pour ses paysans, Les Echos, 31. März 2008, S. 11.

Donnerstag, 20. März 2008

Wie entstehen lange Wellen von Basisinnovationen?

Kazue Haga & Jochen Röpke

17. März 2008

Wir haben in früheren Blogs mehrfach die Pionierrolle von Aubrey de Grey in angesprochen. Das Bild zeigt ihn in Aktion: doing & talking. Er macht das, was so, Schumpeter, ein erfolgreicher Unternehmer tut: “Doing the thing“ (Schumpeter).


Quelle


Für uns Ökonomen ist De Grey interessant, weil er in einer sehr frühen Phase eines neuen Kondratieffphase, die mehrer Wellen umfassen könnte, tätig ist. Keine Produkte, keine etablierte Technologie, nur Visionen, viele Feinde, viele Widerstände, Normalität also für jene, die Basisinnovationen angehen. Kein Geld vom Staat, kein Politiker spielt hier mit.
Wir beobachten somit, nicht historisch rückgewandt, sondern in Jetztzeit, wie das Neue, das auf dramatische Weise Andere, vor unseren Augen entsteht.

Maintains healthspan indefinitely.


Auf Deutsch: Überwindung des Todes. Verrückt! Aber jeder Kondratieff ist bei seiner Geburt von dieser verrückten Eigenschaft. Eine Pressenotiz, schon einige Jahre alt, immer noch aktuell, zeigt die zeitliche Dimension, die Unsicherheit, den erforderlichen langen Atem und die Suche nach Geld: Geneticist Aubrey de Grey of Cambridge University figures humans could live to 1,000 years with the help of biotechnology and various therapies.Reaching that goal, however, will take at least 10 years of mouse trials and another 15 on humans. "There's an enormous amount of uncertainty," said de Grey, who gave an anti-aging lecture at a packed 160-seat theatre in Edmonton. "I'd say we have a 50-50 shot of getting there within 25 years from now."The goal itself isn't far-fetched, said Richard Stein of the University of Alberta's Centre for Neuroscience. If it doesn't happen in 25 years, then maybe in 50 years. "Most of the things he's saying are absolutely true in terms of what we know about the biology of the system," said Stein. De Grey's team wants $100 million a year to fund its research. Governments aren't willing to pay, so it's appealing to those attending anti-aging talks to pay $1,000 per year.[1]
Auch ein Anderes macht De Grey erneut klar: die neuen Langen Wellen sind Produkte der Wissenschaft und wissenschaftlichen Unternehmertums. Wissenschaft alleine, so gut sie sein mag, bringt wenig.
Die Folge der von Aubrey De Grey und anderen Lebensverlängerern anvisierten Innovationen wird sein: chronologisch alte Gesellschaften mutieren Schritt für Schritt in biologische junge Gesellschaften. Und die Gesellschaften werden reich sein, auch ökonomisch. Wenn – ein großes WENN - die Politik, nicht alles verbaselt. Die vorherrschende Inputlogik (mehr Ressourcen = mehr Wachstum) hat schon der junge Schumpeter im Jahr 1910 theoretisch ausgehebelt. Sie ist aber (immer noch) Teil des Mainstreams in Wissenschaft und Politik und herrscht über die Gehirne der Menschen wie die Gene im Affengehirn.
Der Fairneß halber zeigen wir im nächsten Bild auch die Logik von Jay Olshansky, den wir in einem früheren Blog ausführlich vorgestellt haben. De Grey und Olshansky arbeiten mit unterschiedlichen Paradigmen des Alterns, die sich jedoch nicht ausschließen müssen. Aus der Sicht von De Grey bewirken die medizinischen Innovationen, die Olshansky anstrebt, ein (bescheidenes) Hinausschieben der gesunden Lebensspanne (rund 10 Jahre). [2] Dies ist jedoch wichtig für die Sicht von De Grey. Wenn ein Mensch, zum Beispiel 10 oder 15 Jahre, dank medizinischer Innovation, länger gesund leben kann, dann können in dieser Zeitspanne neue Erkenntnisse und Neuerungen tragfähig werden, welche die gesunde Lebensspanne weiter ausweiten könnten. Dies ist der Kern von De Greys und auch Ray Kurzweils Behauptung, die Menschen könnten ihre gesunde Lebensspanne Schritt für Schritt bis zur Überwindung des Todes ausweiten.

Quelle


Interessant an dem Schaubild von Olshansky ist: Er übernimmt die Vermutung, Kalorienreduktion könnte Krankheiten verringern helfen (früher hat er diese Sicht eher lächerlich gemacht): Fewer calories - less disease. Kalorienverringerung ist bislang die einzige, halbwegs wissenschaftlich gesichert Methode einer gesunden Ausweitung der Lebensspanne. Als wir diesen Blog schreiben, berichtet die FAZ, in einem Gespräch mit Achim Regenauer, Chefarzt Münchner Rück, von Berechnungen, nach denen die Behandlung von Diabetes, verursacht durch Übergewicht, in Deutschland, jährlich 15 Mrd. Euro kostet. [3] Rechnen wir andere Krankheitsbilder, dazu, sind 30 Mrd. keine Phantasiegröße. In einem Interview sagt Ray Kurzweil (die Logik von De Grey ansprechend, ohne ihn namentlich zu nennen):

Die Verdrängung der Tatsache, dass der Tod eine unermesslich schreckenerregende Vorstellung ist - ganz zu schweigen von dem Leiden, das damit einhergeht -, ist weit verbreitet. Wir hängen an unseren Rationalisierungen, die es uns erlauben, im Angesicht der heraufziehenden Tragödie weiterzumachen. Solange wir keine Alternative hatten, war das vernünftig. Heute haben wir allerdings eine Alternative. Auch wenn wir die nötigen Mittel noch nicht zur Hand haben, besitzen wir doch das Wissen, wie wir bis zu dem Zeitpunkt leben können, an dem sie zur Verfügung stehen werden. Mit dem heutigen Wissen können selbst Angehörige meiner Generation in fünfzehn Jahren noch bei guter Verfassung sein. Dann wird es möglich sein, unser biologisches Programm durch Biotechnologie zu modifizieren, was uns lange genug leben lassen wird, bis uns die Nanotechnologie befähigt, ewig zu leben.[4]

Ray Kurzweil: „Der Tod raubt uns die Liebe“

Quelle: FAZ Net


Unser oben angesprochener Punkt: Neue Technologien vom Charakter von Basisinnovationen machen es - nach Kurzweil, De Grey, Robert Freitas (Nanomediziner) - möglich, irgendwann, „ewig zu leben“. Und für den Grey beginnt das bereits mit Menschen, die jetzt schon unter uns sind: unsere Kinder. Der Unterschied zwischen den Grey und Kurzweil liegt nicht inVision, Konzept und Vorgehen. Kurzweil kommt aus der Informationswissenschaft, De Grey ist Mikrobiologe. Kurzweil sieht die neuen Basisinnovationen umfassender, in einer Weise, die jetzt oft als NBIC (Nano, Bio, Info, Cogno) bezeichnet wird. Kurzweil will unsere Biologie überwinden.
Ein Unterschied zu de Grey also: Für Kurzweil reichen Innovationen in der Biologie nicht aus. In einer Kombination mit Nano- und Informationstechnologie beschleunigt sich Lebensverlängerung.
"Biology is very capable and intricate and clever, [...] but it's also very suboptimal, compared to what we ultimately can build with information technology and nanotechnology... If you were to replace a portion of your blood with these respirocytes [eine Erfindung des Nanomediziners Freitas], you could do an Olympic sprint for 15 minutes without taking a breath or sit at the bottom of your pool for four hours." "We didn't stay on the ground. We didn't stay on the planet. And we have not stayed within the limitations of our biology."[5] Ronald Bailey von Reason (http://www.reason.com/) kommentiert die Sicht der Freunde des Todes („Pro-Mortalists“: ewige Langeweile, was sagt Gott dazu, der Irrtum von Titonus: ewig im Siechtum leben, bis uns jemand gnädigst in eine Heuschrecke verwandelt[6]) in einem lesenswerten Beitrag, in der er auch die Reichtumswirkungen einer Ausweitung der Lebensspanne anspricht: The pro-mortalists fail to understand the effort to extend healthy human lifespan is a perfect flourishing of our uniquely human nature. The future generations will look back at the beginning of the 21st century with astonishment that some very well meaning and intelligent people actually wanted to stop biomedical research just to protect their cramped and limited vision of human nature. Those future generations will look back, I predict, and thank us for making their world of longer, healthier lives possible. To end, let me quote Sirtris Pharmaceuticals co-founder David Sinclair who said, “I would be disappointed if we were all born one generation too early.” Me too.[7] Pech für jene, die eine Generation zu früh geboren wurden, also diejenigen, die heute in Wissenschaft und Politik das Sagen haben. Für sie sind De Grey, Kurzweil und andere intellektuelle Abenteurer und ethische Rebellen. Für andere visionäre Pioniere einer neuen Epoche der Menschheit, deren Entstehen wir heute beobachten.



[1]
1,000-year lifespan a possibility, geneticist says,Last Updated Wed, 16 Feb 2005, CBC News.
[2]
Siehe den früheren Blogbeitrag vom 17. Januar 2008, Die Dividende der Langlebigkeit.
[3]
Armut macht dick, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2008, S. 18. Siehe hierzu auch unseren Blog vom 8. Februar 2008, Vom Leben und Sterben im Kalorienkapitalismus.
[4]
Tobias Hülswitt, Werden wir ewig leben, Mister Kurzweil, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bilder und Zeiten, 23. Februar 2008, S. Z6.
[5]
Brendan Sinclair, Kurzweil: ‚Exponential’ change ahead for games, people, CNET NEWS.COM, 22. Februar 2008. Die sind Zitate aus einem Vortrag von Kurzweil.
[6]
Fight aging, 23. März 2004, The ubiguity of the Tithonus error.
[7]
Ronald Bailey, The political economy of the longevity dividend, Future Current, 28. Februar 2008.

Mittwoch, 19. März 2008

Finanzkrise: Getting the theory wrong has consequences.

Jochen Röpke

19. März 2008

Die Finanzkrise ist eine durch Eingriff in den Markt (US-Zentralbank unter Leitung von Greenspan; Greenspanput) erzeugte. Alles fängt im Kleinen an, jede Krise (Laozi). Danach hochschaukeln. An Finanzinnovationen des Arbitragesystems gekoppelt, die selbst Paulsen (ehemals Chef von Goldman Sachs, jetzt Chef des US-Treasury) nicht mehr versteht.
Intervention braucht Intervention, wenn der Markt jenseits von Routine operiert. Sonst besteht die Gefahr eines negativ-emotionalen Takeovers. Angst, Panik, um sich greifender Vertrauensverlust. Ließe man Märkte frei laufen: Desaster. Es geht schon lange nicht mehr darum, „Schuldige“ zu finden, die Banken (Investmentbanken, vor allem um diese geht es), selbst für ihre Fehler zahlen zu lassen. Der Steuerzahler war und ist von Anfang an dabei. Verluste werden schließlich über das Finanzamt abgerechnet. Aufräumen kann man erst, wenn das Bombardement zu Ende geht.
Bernanke macht aus Schumpeterlogik das Richtige, nur noch zu wenig und zu wenig radikal und mit zu wenig Unterstützung durch die US-Regierung und seine europäischen Kollegen. Dies ist ausführlich jenseits des Mainstream diskutiert. Etwa bei James Mauldin (wer googelt findet).


Josef Ackermann sagt zu Recht: Marktkräfte lösen das Problem nicht (mehr), oder nur zu exorbitanten Kosten sprich Vernichtung von Werten (Nichtschaffung neuer Werte). Theoretische Pfadabhängigkeiten der Entscheidungsträger produzieren hohe Opportunitätskosten. Kritiker an Ackermann: Du wartest, bis dir das Wasser am Hals steht, dann reißt du das Maul weit auf. So geht es nicht. Aber besser als ertrinken (in den Selbstheilungsfluten des Marktes). Ackermann ist ein Insider wie es keinen Besseren gibt. Er weiß was abgeht, was machbar ist, was helfen könnte (im Gegensatz zu manchen Notenbankern und Analysten).
Was soll es, sagt der Mainstream. Hoher Euro, kein Problem (wir fakturieren doch in Euro u/o liefern in die Eurozone). Wachstum robust im Euroland, usf. Hinsetzen, fünf. Wir zitieren Joseph Schumpeter,[1] gerade weil er mit seiner Theorie exogenen Geldes theoretisch schieflag (Gegenthese endogenes Geld: im Innovationssystem wird Finanzkapital endogen erzeugt. Kein Zugang zu Finanzierung aus Routine und Arbitrage). „In der Atmosphäre der sekundären Prosperität werden auch verantwortungslose, betrügerische und in anderer Weise erfolglose Unternehmungen entstehen, die den Prüfungen, wie sie die Rezession mit sich bringt, erliegen. Die Spekulation wird wahrscheinlich viele unhaltbare Elemente in sich tragen, die durch die geringste Minderung der Sicherheiten (Übersetzung im Original: „Lombardwerte“) zusammenstürzen. Das braucht alles noch nicht unbedingt die Ausmaße einer Panik oder einer Krise anzunehmen– keines dieser Worte, daran sei erinnert, ist ein Fachausdruck - aber es induziert sehr leicht Paniken oder Krisen.“ Schumpeter, Konjunkturzyklen, 1961, Band 1, S. 157. Die „Minderung der Sicherheiten“ im US-Immobilienmarkt ist das Kernproblem. Wie es dazu kam, wissen wir. Auch welche Folgen – Rezession, möglicherweise mehr – aufgrund viral-monetärer Ansteckungswirkungen für die Realwirtschaft entstehen (könnten), ist auch klar. Krugmann schätzt die möglichen Verluste auf zwischen $ 6000 und 7000 Mrd. (50 Prozent des US-BSP).[2]


Quelle: John Mauldin, Muddle Through and Your Long Term Returns, Weekly Newsletter 14. März
Die Abbildung zeigt, wie die Greenspanpolitik und das spekulative Hochschaukeln der Immobilienpreise die Wachstumsrate hochschrauben (US-Haushalte nutzten die höheren Bewertungen von Immobilienvermögen, neue Schulden aufzunehmen. Eine Quelle des US-Handelsbilanzdefizits, nach Greenspan andererseits eine Folge der Repression des Konsums in China). Dies ist, real betrachtet, eine Mischung von Schumpeter- und Arbitragelogik. Ohne Immobilienboom wäre das US-Wachstum auf Afrikaniveau. Die US-Regierung agiert immer noch nach Afrikamuster: Kopf in den Sand der Wüsten und der Baugruben.

[1]
Siehe unseren Blog vom 6. November 2007 zur Finanzkrise.
[2]
Quellen bei Parapundit, 18. August 2008, Will Federal Reserve tame the financial panic.

Montag, 3. März 2008

Ein Euro pro Tag

Jochen Röpke

1. März 2008

Soviel verdient ein Landarbeiter in einem indonesischen Dorf in Westjava, der höchstentwickelten Provinz in Indonesien. Seine Familie, drei Personen, benötigt zum Über leben drei Euro (40,000 Rupiah).[1] Die Landflucht schlägt daher neue Rekorde. Im informellen Sektor der Städte läßt sich etwas mehr verdienen, aber bei 1.8 Millionen Arbeitslosen in Westjava ist das ohne Selbstausbeutung auch nicht zu machen. Immerhin fördert die Provinzregierung das Training von Unternehmertum bei Arbeitslosen,[2] was wir in Deutschland, dem Land der Mitnahmeeffekte, wieder abgeschafft haben. Frau und Kinder bleiben im Dorf. Landwirtschaft wird eine Angelegenheit von Frauen. Die Diskriminierung von Frauen ist hier ohne Chance. Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Land sind rar, versteckte Arbeitslosigkeit verbreitet. Da die Einkommen bereits am Existenzminimum liegen, hilft ihnen auch die deutsche Einsicht wenig, durch Lohnsenkung Arbeitsplätze zu schaffen. Auf die Idee, Geld für Lohnsubventionen à la Nokia zu spendieren, ist noch niemand gekommen. Das Kinderhilfswerk hat sich auch noch nicht sehen lassen. Ihre Berater lassen sich schließlich nicht für einen Euro pro Tag abspeisen. Und die Fahrer von Cayennes in der Londoner City und ihr Master aus Zuffenhausen haben anderes im Kopf als das von ihnen mit verursachte Elend in der Dritten Welt.
Was passiert?

Nichts – außer gelegentlicher Berichterstattung in der Zeitung, auf die sich der Autor stützt. Da gerade die Reisernte im Gang ist, berichten die Medien ausführlich über das, was auf den Dörfern so alles vor sich geht. Über Preise und Einkommen zu reden, ist in Indonesien Teil der Kultur. Jedermann weiß was der Präsident mit nach Hause nimmt.

Alles ist optimal geregelt, wie in den Lehrbüchern der Ökonomie, auf deren Grundlage sich die Bundesregierung beraten läßt. Die Bauern verkaufen ihren Reis (Rohreis, gabah) für 2,000 bis 2,500 Rupiah (0.20 Eurocent) pro kg an die Händler. Auf einem Hektar erzeugen sie fünf Tonnen ungeschälten Reis, der ihnen 500 Euro bringt.[3] Natürlich betrachten sie sich als abgezockt – aber schließlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Genossenschaften existieren nicht (mehr). Innovation ist – lehrbuchgerecht – eine Rarität. Neue Arbeitsplätze gibt es daher auch nicht. Die Armut funktioniert also so, wie es das neoklassische Paradigma lehrt: effizient. Die indonesischen Bauern müssten Verdi doch endlich darüber Nachhilfe geben, was einen gerechten Lohn ausmacht.

Immerhin leisten wir unseren Beitrag zum Lebensunterhalt in indonesischen Dörfern. Die ökologischen Erzengel einschließlich Gabriel, vom Gott Gaia auf die Erde gesandt, kommen in unser Land, sogar in God’s Own Nation, stärken unser Bewußtsein, doch endlich mehr Biosprit zu produzieren. Die indonesischen Bauern danken es ihnen. Den Reis essen sie, teilweise noch selbst - noch. Einige können sich den selbstproduzierten Reis bereits nicht mehr leisten. Beim Öl zum Kochen und Braten müssen sie fast täglich höhere Preise bezahlen. 13,750 Rupiah pro kg, exakt ein Euro, ein neuer Höchststand.[4] Für den Ökonomen interessant ist die Aussage der Beteiligten: Niemand weiß so recht, warum die Preise so hoch sind (Die deutsche Botschaft hat ihnen schließlich auch noch keinen Kontakt mit den allwissenden Klimaforschern aus Potsdam ermöglicht). Das Entdeckungsverfahren des Marktes (F.A. Hayek) funktioniert in Reinkultur. Indonesien produziert eigentlich genug Palm- und Kokosöl. Aber die Plantagen verkaufen es auf dem Weltmarkt bei rasant steigender Nachfrage - für die Produktion von Kraftstoff (biofuel). Zumindest die Orang Utans (Waldmenschen) und Tiger und Elefanten haben es besser. Sie brauchen sich um ihr Überleben keine Sorgen mehr zu machen. Palmölplantagen ersetzen den Urwald. Kleben wir wenigstens einen Aufkleber mit Tigerkopf in unsere Cayennes, damit wir uns daran erinnern, wem wir für unseren Tankinhalt dankbar sein dürfen.
(Wir gehen in einem weiteren Blog auf die Problemlage der kleinen und mittleren Unternehmen in Indonesien ein. Sprache Englisch).


[1]
Kompas, 25. Februar 2008, S. A, Urbanisasi sulit dibendung (Urbanisierung schwierig einzudämmen).
[2]
Kompas, 27. Februar 2008, S. C: 1,8 juta penganggur terdidik di Jabar (1.8 Millionen Arbeitslose erhalten Training in Westjava).
[3]
Kompas, 28. Februar 2008, S. J: Petani mendesak agar harga gabah dinaikkan (Bauern machen Druck für steigende Preise für Reis).
[4]
Kompas, 29. Februar 2008, S. 26: Minyak goreng mencapai Rp. 13.750 per kg (Öl zum Braten und Kochen erreicht 13,750 Rupiah pro kg).