Montag, 29. Oktober 2007

Gut gemeint? - Steuerpolitik und Business Angels in Deutschland

von Cord Siemon

Business Angels sind in den letzten Jahren verstärkt in das Bewusstsein der Politik gerückt, wenn es darum ging, die Möglichkeiten auszuloten, Jungunternehmen bei ihrer Suche nach Seed- und Start-up-Kapital zu unterstützen (1). Durch die Errichtung regionaler Netzwerke (Dachorganisation in Deutschland: BAND – Busines Angels Netzwerk Deutschland) wurden die größtenteils altgedienten Unternehmer mit Branchenerfahrung, finanzieller Manövriermasse und Vorliebe für (innovative) Gründungsfinanzierungen zunehmend stärker miteinander verzahnt. Neuere Netzwerke differenzieren die Szene immer deutlicher aus. Das Business Angel Network Europe (BANE), Oberursel, ist auf Wachstumsfinanzierungen und Nachfolgeregelungen durch Internetmaching fokussiert und erweitert das Spektrum um sog. „Working Angels“. Ferner hat das 2005 errichtet Business Angels-Netzwerk Sachsen-Anhalt in Magedeburg bemerkenswerte Beteligungserfolge verzeichnen können (2). Dennoch existieren nach wie vor steuerpolitische Barrieren, welche die Entwicklung einer Business Angels-Kultur in Deutschland (und damit auch die Entwicklungs- und Wachstumsdynamik) behindern.

Seit geraumer Zeit wird insbesondere die 2001 vorgenommene Absenkung der Wesentlichkeitsgrenze auf 1 % im § 17 EStG als schädlich angesehen, da daraus hervorgeht, dass Veräußerungsgewinne im Rahmen privater Beteiligungen an einer Kapitalgesellschaft (GmbH, AG etc.) auch bei kleineren Anteilsquoten der Steuerpflicht unterliegen (2). Das Gesetz zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbedingungen (MoRaKG) sollte diesem Missstand entgegenwirken. Demnach war die Erhöhung des Freibetrages für Veräußerungsgewinne nach § 17 Abs. 3 EStG von 9.060 Euro auf 20.000 Euro als gut gemeinter steuerlicher Anreiz für ein größeres Business Angels-Engagement gedacht. Bei näherem Hinsehen erweist sich dies jedoch als Fehlsteuerung, wie Günther und Kirchhof in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Venture Capital-Magazins erklären (3). Der erhöhte Freibetrag kommt nämlich Business Angels „nur zu dem Anteil zugute, zu dem sie an den Unternehmen beteiligt waren. Bei einem Anteil von 10 % beträgt der Freibetrag also nur noch 2.000 Euro, und er wird nach der weiteren Vorschrift des § 17 Abs. 3 Satz 2 EStG sogar ab 3.160 Euro wieder abgeschmolzen, so dass ab einem Veräußerungsgewinn von 5.610 Euro nichts mehr von dem Freibetrag übrig bleibt. Nach dem Business Angels Panel 2007/I begnügt sich mehr die Hälfte der Engel sogar mit Beteiligungsquoten unter 10 %“. Die im MoRaKG angedachte Verbesserung der Rahmenbedingungen hätte sich, Günther und Kirchhof zufolge, effektiver gestaltet werden können. Demnach „hätten die Investitionen von Busines Angels eine steuerliche Förderung erfahren müssen, die wirklich so genannt werden kann. Z.B. hätte man Veräußerungsgewinne aus Beteiligungen bis 25% oder von Minderheitsbeteiligungen bis 2 Mio. Euro steuerfrei machen können, eine Regelung, die es in ähnlicher Form schon einmal gab. Es bleibt also nur, auf die Zukunft zu hoffen“. (1) Siemon, C.: Unternehmertum in der Finanzwirtschaf: Ein evolutionsökonomischer Beitrag zur Theorie der Finanzintermediation, Norderstedt/Marburg, 2006. (2) Günther, U. und Kirchhof, R.: Enttäuschte Hoffnungen – Die aktuelle Situation der Business Angels in Deutschland, Oktober-Ausgabe 2007, S.78-79. (3) Siemon, C.: Innovations- und Gründungsfinanzierung: Zur Koexistenz informeller und formeller Finanzierungsnetzwerke, Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 2007, S. 191-193. (4) Günther, U. und Kirchhof, R.: Enttäuschte Hoffnungen – Die aktuelle Situation der Business Angels in Deutschland, Oktober-Ausgabe 2007, S.78-79.

von Cord Siemon
29.10.07 19:02 (Übernommen am 25.11.2007)

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Exlenzinitiative Genentech

von Jochen Röpke

Die Sieger sind bekannt. Runde 2 des Wettbewerbs ist abgeschlossen. Ob es für Forschung und Entwicklung etwas bringt, weiß niemand. Wir haben nicht sehen können, daß die Anträge und die Auserwählten und die Juroren auf das geschaut hätten, was einzig auf Dauer zählt: Was geschieht mit dem Wissen, erzeugt mit und ohne Exzellenz - und meistens, fast immer, zählt nur Letzteres? Geht es in die Wertschöpfung ein? Greifen Unternehmer es auf, um dann Innovationen, neue Märkte, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu schaffen? Nobelpreise an sich bringen nichts, wenn Forschungserkenntnis als totes Wissen dahinsiecht. Wir konnten bislang nicht erkennen, daß sich die Verantwortlichen jenseits einer Humboldtschen Logik der Universität konzeptionelle Gedanken gemacht und in exzellenzinitiative Anträge integriert hätten. Beobachter sehen sogar Humboldt als amputiert, angesichts der bescheidenen Ressourcenwidmung für die Lehre. Eine „unternehmerische Universität“ bleibt exzellenzinitiativ ein institutioneller Nobody.

Nur für den Einäugigen ein Zufall: Heike Schmoll berichtet über die „Sieger“ und ihren Jubel:[1] Wir sind die Besten (im Sport als „VfB-Stuttgar­t-Syndrom“ bekannt). Im Wirtschaftsteil der gleichen Zeitung vom selben Tag ein Bericht über das Elend der deutschen Biotechbranche.[2] Homepage Bundesregierung: „Auf dem Gebiet der Biotechnologie ist Deutschland führend“. Das übertrifft sogar noch George W. Bush, was schwierig, aber wie wir freudig erkennen, durchaus machbar ist: „Die Franzosen haben kein Wort für Entrepreneur.“ Die Deutschen (eine Teilmenge: Mitglieder der politischen und dieser zuarbeitenden Klasse) sind gute Erfinder („führend“, die Anmeldung beim Patentamt läuft. Die Regierung darf sich trösten: Über 90 Prozent der Patente kommen über das Patentamt nicht hinaus. Wenn die Regierungserfindung wie bisher schon, auch in Zukunft nicht läuft, niemand juckt es. Wer andererseits jenseits des politischen Milieus erfindet, gar innoviert, insbesondere, wenn er Wissenschaftler ist, bleibt im Regen stehen. Eine unternehmerische Universität, welche Wissenserzeugung & Lehre & Unternehmertum & Kompetenzentwicklung (nicht –abbau) symbiotisch verknüpfte, wäre einer exzellenzinitiativen Förderung wert. Was jetzt läuft ist 19. Jahrhundert. Die Amerikaner, wenn sie sich arbitrageökonomisch nicht selbst austricksen, und die Chinesen, wenn sie nicht anfangen, das zu machen, was der westliche Besserwisser ihnen als Weisheit verkauft, und der Finanzminister, der das 19. Jahrhundert finanzieren muß, werden uns dafür abstrafen.

Was hat das mit Genentech zu tun? Eine zutiefst kapitalistische Firma. Eine durch und durch Spitzenforschung betreibende Unternehmung: Genentech: a biotechnology research company.[3] Eine Biotechfirma, die das Mehrfache an Produkten, Umsatz, Arbeitsplätzen und Steuerzahlungen hervorbringt, als sämtliche deutsche Biotechfirmen zusammen, die ihren hochqualifizierten und exzellent bezahlten Mitarbeitern („Genentech offers the best opportunity to build your career in biotechnology. It demands the best from its employees and rewards them accordingly”: Nur niedrige Löhne sichern Arbeitsplätze),[4] Forschungsfreiräume und Zeitspielräume gewährt, die es an deutschen Universitäten mit und ohne Exzellenz nicht mehr gibt, eine Exzellenzinitiative, die es zu kopieren gilt. Wir müssen den deutschen Biotechunternehmern dankbar sein, welche es unter den hiesigen rechtlichen, institutionellen und fiskalsstaatlichen Beschränkungen überhaupt so weit gebracht haben. Immerhin arbeitet der Bundesfinanzminister („Ich“ daran, die Finanzierungsspielräume für die Branche und anderen auf Forschungswissen angewiesenen Unternehmen nicht einfacher zu machen.[5] Wir schlagen ihm vor, seinen nächsten Urlaub nicht im südwestafrikanischen No-Tech-Milieu mit der Beobachtung von Giraffen zuzubringen, vielmehr einen Ausflug nach Shanghai zu machen, wo sich Biotechtiger in freier unternehmerischer Wildbahn beobachten lassen, um dort die These seiner Regierung zu überprüfen: „Auf dem Gebiet der Biotechnologie ist Deutschland führend.“

Als Exportweltmeister kann uns nichts umbringen. Der Eurokurs nicht, die EU-Bürokratie nicht, die Chinesen nicht, und „Ich“ so wie so nicht - falls man zu den Dax-Unternehmen gehört. Andererseits stellt sich die Frage, von was wir in einer Generation leben wollen, wenn die Produkte (Altinnovationen) nicht mehr laufen, die uns heute die Chinesen, Inder, Russen usw. noch aus den Händen reißen. Was leisten die Exzellenzuniversitäten für unseren zukünftigen Wohlstand?


[1] Heike Schmoll: Die Projekte der Gewinner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2007, S. 4.

[2] Judith Lembke, Unterfinanziert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2007, S. 13.

[5] Ute Günther und Roland Kirchhof, Enttäuschte Hoffnungen, Venture Capital Magazin „Start-up 2008, S. 78-79.

24.10.07 11:01 (Übernommen am 25.11.2007)

Donnerstag, 13. September 2007

„Spielregeln“ der Innovation

von Haka Hori und Kazue Haga

Haltet euch an die „Spielregeln“, fordert Kanzlerin Dr. Angela Merkel von den Chinesen (1). Mehrfach. Bei ihren Chinabesuchen ohnehin. Ein uraltes „Spiel“. Wer oben ist (oder glaubt oben zu sein, meistens ein Irrglaube), tritt die Leiter weg, damit die Nachrücker nicht hochkommen. In Deutschland (im Politikgeschäft) auch 5%-Regel genannt.

Als England oben war, versuchen sie die Deutschen wegzukicken. Geburt von „Made in Germany“.

Die alteuropäische Autoindustrie (inklusive U$A) beherrschte einst die Welt.

Wie kommen Nachzügler in den Markt? Wer die „Spielregeln“ akzeptiert, bleibt draußen. Daß sie akzeptiert werden, dafür sorgt die World Trade Organisation WTO, die Lobbykraft der Etablierten, Kanzlermarketing und ein Heer von Ökonomen, die Ricardos Theorem der komparativen Kosten mit Freihandel gleichsetzen.

Die folgenden Links (2) und (3) verdanken wir der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos, welche eine sehenswerte Fotoserie über den WEG (Dao) von Toyota auf ihrer Website darbietet.

Das Bild zeigt den ersten Toyotawagen, Baujahr 1935, für fünf Personen, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. Man beachte die Haltung der Menschen – sie verbeugen sich – vor wem? Vor den Spielregeln selbstverständlich. Den Spielregeln der Innovation. Der BDI, würde, wenn er könnte, heute noch, in solch einem klaren Fall, mit Unterstützung des BKA (Bundeskanzleramt), Klage erheben, wenn er nicht das Schicksal des sterbenden Frosches für seine Mitglieder kultivierte: Produktpiraterie à la Chinois, unternehmerisch erlernt vom japanischen Dieb: Vorbild Chrysler Airflow, ein Nachdepressionsprodukt. Diebstahl also, bringt Toyota auf den Weg. Standortgefährder.

72 Jahre später ! Toyota Nr. 1. Die anderen laufen hinterher. Toyota hat seinen Hybridmotor mit Dutzenden von Patenten vor dem Diebstahl jener geschützt, die den Einstieg verschlafen haben.(3 ) Schlaf schützt vor Verletzung der Spielregeln. Deswegen braucht Afrika soviel Entwicklungshilfe anstelle von Einführungen in die Regelkunde der zivilisierten Welt und die Industrie die Unterstützung ihrer Kanzler und Finanzminister.

Chinesen, religionsscheu wie sie sind, halten sich nicht an die Religion der Eigentumsrechte. BMW ist das letzte Opfer ihrer Blasphemie – und bringt den Raubkopierer vor Gericht (4), der sich nicht scheut, im Heimatmarkt des Premiumproduzenten Kunden zu suchen und auf der Automobilausstellung sein Produkt schamlos zu enthüllen, ohne Bikinigirls dazu.

Von den spanischen Jesuiten zu lernen, war noch nie eine schlechte Geschäftsstrategie.

72 Jahre nach 1935: „VW ahmt Toyotas Strategie nach“, berichtet uns die Financial Times Deutschland, rechtzeitig zur Eröffnung Automobilmesse. (5)

„Toyota hat seinen Absatzvorsprung auf Gebieten gemacht, wo wir in den vergangenen Jahren nichts gemacht haben“, erläutert uns „VW-Chef“ Martin Winterkorn (5). Die Kanzlerin hat Recht: mit der Einhaltung der „Spielregeln“ wäre VW solches nicht passiert. Toyota wäre längst begraben und der Einsatz der Hybridtechnologie könnte auf jenen Zeitpunkt warten, bei dem Automanager endlich das haben, was sie brauchen, um zu innovieren: „Planungssicherheit“, auch seitens der Politik. Wie Martin Winterkorn dem Handelsblatt mitteilt: „Was wir brauchen, ist Planbarkeit, denn ein Fahrzeug, mit dessen Entwicklung wir heute beginnen, ist in 30 Jahren immer noch auf der Straße.“(6) Und genau dieser Umstand ist es, der Erzengel Gabriel so viele schlaflose Nächte bereitet. Wie der VW-Chef in der FT.de weiter betont: „Wir alle wollen Geld verdienen, Arbeitsplätze sichern und mehr Volumen machen“ (5).

Wir danken der Kanzlerin für ihr Bemühen um den Standort Deutschland. Was würde mit VW, MAN (will LKWs in China bauen) usw. passieren, wenn die Chinesen das nachmachen, was Toyota ihnen vorgemacht hat? Schmach aller Schmach: Ein China-Hybrid rollt vor einem DE-Hybrid über deutsche Straßen. Denn Hybridautos Made in China kommen wohl zeitgleich mit den deutschen auf den Markt. Brilliance plant für das Jahr 2009 die Einführung eines Hybridmodells. (7)

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,502406,00.html

(2) http://www.lesechos.fr/diaporamas/index.php?id_diap= DIAP270807136_870AD9&id_rub=1067&id_sous_rub=0& auto=0&id_photo=4169

(3) http://www.lesechos.fr/diaporamas/index.php?id_diap= DIAP270807136_870AD9&id_rub=1069&id_sous_rub=0 &auto=0&id_photo=4183

(4) Mark Landler, Germans see imitation in Chinese cars, The New York Times, 12. 9. 2007, http://www.nytimes.com/2007/09/12/business/worldbusiness/12auto.html?th&emc=th

(5) http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:VW%20Toyotas %20Strategie/251737.html.

(6) Handelsblatt, 11. September 2007, S. 2, IAA 2007, „Was wir brauchen ist Planbarkeit“.

(7) FAZ, 1. September 2009, S. 49: „Brilliance will glänzen“.

Theoretische Grundlage ist die Theorie der nachholenden Entwicklung.

Siehe hierzu Kapitel 5 in: Jochen Röpke und Ying Xia: Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme. Grundzüge einer daoistischen Kinetik wirtschaftlicher Entwicklung.

Zu Toyotas Hybrid-Management, Kazue Haga und Jochen Röpke, Wie lernen Unternehmer?

13.9.07 18:30 (Übernommen am 25.11.2007)

Montag, 27. August 2007

Alter schützt vor Gesundheit nicht; oder: Wie Innovation Arbeit erzeugt.

von Kazue Haga und Jochen Röpke

Es ist leicht zu sterben, aber schwer zu leben.

Japanisches Sprichwort.

Eine Untersuchung von Kenneth Manton zeigt uns bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Alter und Innovation (1, 2 ). Sie stützen Ergebnisse, die wir in einem früheren Mafexblog skizzierten (3). Kenneth Manton ist ein statistisch-mathematisch orientierter Demograph. Er hatte über viel Jahre empirische Erkenntnisse zum Zusammenhang von Alter, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wissenschaftlich erarbeitet, welche die herrschende Sichtweise auf den Kopf zu stellen scheinen und daher in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf Ungläubigkeit stießen. James Vaupel (Max Planck Institut für Demographie in Rostock) denkt in eine ähnliche Richtung und hat früher mit Manton zusammen veröffentlicht. Soweit wir sehen, werden die Erkenntnis dieser Forscher bis heute noch nicht wirklich ernst genommen und nur marginal in der Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Innovationspolitik reflektiert.

Die herrschende Sichtweise unter Demographen und Gesundheitsökonomen: Wirst du alt, leidest du immer mehr an immer mehr Gebrechen, dein Gehirn rostet, deine Arbeitsfähigkeit sinkt und an den chronischen Krankheiten des Alterns kann die Medizin bislang ohnehin wenig ausrichten. Manton zeigt nun an Hand von amerikanischen Daten, daß die chronische „disability“ von über 65-Jährigen zurückgeht und zudem in einem graduell zunehmenden Umfang. Der Rückgang hat sich von 0.6 Prozent im Jahr 1982 auf 2.2 Prozent in den Jahren 1999-2004 beschleunigt. „We found a significant rate of decline in the prevalence of chronic disability that accelerated from 1982 to 2004“(2). Noch bemerkenswerter: bei Menschen über 85 war der Rückgang noch höher.

Anstelle von einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung von debilen, chronisch Kranken und arbeitsunfähigen Alten, mit entsprechender Belastung der sozialstaatlichen Kassen, nimmt der Anteil aufgeweckter, arbeitsfähiger, kreativer Menschen in der Gruppe der über 65-Jährigen zu, nicht nur absolut, sondern anteilsmäßig. Es geht hier nicht um das übliche, politisch korrekte Gerede über „Senioren“ (und ihre Wählerstimmen) und wie wir an ihre Kaufkraft kommen (4); vielmehr um empirisch belegte Zusammenhänge, welche alten Menschen eine wirtschaftliche Funktion jenseits von Konsum von privaten und öffentlichen Gütern bis in Altersregionen hinein eröffnen, die bislang für unternehmerisches Tun in seiner ganzen funktionalen Vielfalt verschlossen schienen: Gesunde alte Menschen als Treiber wirtschaftlicher Dynamik.

Wir haben Ähnliches am Beispiel Japans aufzeigen können (5). Japan ist die älteste Gesellschaft auf der Erde. Sie erlaubt also, die Überlegungen von Manton zu überprüfen. Was Manton nicht im Blickfeld hatte, aber seine Überlegungen untermauert, ist der zunehmende Anteil alter Menschen bei der Gründung von Unternehmen (in Japan). Nach der herkömmlichen Logik betrachtet ist dies theoretisch und empirisch zumindest nicht plausibel, und wird daher auch in jüngeren Studien zum Zusammenhang zwischen demographischem Wandel und Wirtschaft wenig beachtet: Alte Menschen als Pioniere der Gründungsdynamik.(3)

Manton und Kollegen belegen mit ihren Daten: die Gesundheit steigt mit der Lebensspanne bzw. die „chronic disability“ sinkt, d.h. älter werdende Menschen, nicht alle, aber eine große Gruppe von ihnen, leben zunehmend gesünder. Die wesentliche Quelle dieses Fortschritts sind für Manton u.a. medizinische Innovationen. Da die Menschen, innovationsbedingt, länger physisch und mental gesünder leben, und wenig spricht dagegen, daß dieser Trend nicht anhalten könnte, steigen auch die wirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinne und die Sorgen über die finanziellen Belastungen in einer alternden Gesellschaften könnten sich als zunehmend weniger begründet herausstellen.

Theoretisch behaupten wir eine positive Rückkopplung zwischen medizinischer Innovation (nennen wir sie im Hinblick auf die Zukunft: integrale NBIC-Innovation, Nano, Bio, Info, Cogno) und zunehmender Altersgesundheit bzw. Ausweitung der gesunden Lebensspanne bei immer mehr Menschen. Innovation fördert Gesundheit und Gesundheit erlaubt die Ausweitung der zeitlichen Spanne und der Menge unternehmerischer Tätigkeit (inklusive Innovation).

Der Kern des Arguments von Manton: Damit dieser historische Trend in die Zukunft weiter läuft, sind ansteigende Investitionen in die medizinische Forschung notwendig. Die Autoren quantifizieren ihre Überlegungen: Wenn nur 30 Prozent der alten Menschen mit guter Gesundheit sich dafür entscheiden, länger zu arbeiten (in Japan tun sie dies bereits), sind die daraus folgenden wirtschaftlichen Vorteile groß genug, um eine Verdoppelung der Investitionen in biomedizinische Forschung während der kommenden fünf Jahre und eine Vervierfachung über eine längere Zeitspanne zu rechtfertigen.

Die amerikanischen Forscher unterstellen dabei, mit gewissem Recht, für die USA: durch Forschung gewonnenes neues Wissen versickert nicht im Wissenschaftssystem, sondern wird von Unternehmen, viele davon neu gegründeten, in medizinische Innovation umgesetzt. Der Knowing-doing-gap bleibt mit anderen Worten bescheiden. Für die EU-Länder können wir diese Annahme nicht machen. Mehr Forschung heißt hier nicht auch mehr Innovation. Die Kopplung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist ausgedünnt.

Ein weiterer Punkt ist zu bedenken, falls man sich Gedanken macht, wie umfassend der geschilderte Trend für eine gesamte Gesellschaft gültig ist. Für viele Länder – USA, Europa, China – zeigt sich eine Abnahme des Gesundheitsbewußtseins: Vom Kindergarten bis zur letzten Ölung. In Ländern der sog. Dritten Welt ist Gesundheitsbewußtsein bis heute ein Fremdwort. Ein guter Indikator dafür ist die Gewichtszunahme.(6,7). Entwicklungsländer importieren die chronischen Krankheiten der reichen Länder. Wie? Demographisch: Die Menschen dort leben länger, haben also mehr Zeit, Krankheiten einzufangen. Evolutionsökonomisch: Ihr unterentwickeltes Gesundheitsbewusstsein läßt sie ungesunde Lebensstile ( „rich world maladies“ ) aus den reichen Ländern nachahmen. Ein Paradox der Entwicklungshilfe: Durch Bekämpfung von Infektionskrankheiten, Schwerpunkt der öffentlichen und privaten (Gates Stiftung) Bemühungen leben Menschen in der Dritten Welt länger – nur um Opfer ungesunder Lebensstile zu werden. Die Bekämpfung chronischer Krankheiten spielt zudem bei Entwicklungshilfe eine untergeordnete Rolle. Dazu kommt – der World Trade Organization sei gedankt - der freie Import von Killerfood.

Wir vermuten daher, daß die von Manton et al. vorgestellten Ergebnisse für jenen Teil der Gesellschaft gelten, der einigermaßen gesund lebt und im Alter gesund bleiben will, der also, wie wir sagen, selbstevolutiv tätig ist. Dies spricht nicht gegen Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation. Dies ist eine notwendige Bedingung. Sie ist aber nicht hinreichend, falls nicht mehr Menschen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Was zu tun ist, weiß hierzulande nahezu jedermann (In Entwicklungsländern herrscht Unwissen bis in höchste Kreise der politischen Klassen): Das Wissen bleibt ungenutzt. Wenn diese Lücke zwischen Wissen und Tun sich ausweitet oder nur stabilisiert, spaltet sich die Gesellschaft: die Frühsterber oder Längerleber mit prekärer Gesundheit, die aus physischen und mentalen Gründen auch nicht länger arbeiten können und jener Teil relativ gesundheitsbewußter Menschen, die lange gesund leben wollen, einiges dafür tun, Vermögen akkumulieren (Die Abgeltungssteuer kommt gerade richtig!) und zusätzlich noch in den Genuß medizinischer Innovation kommen, die sie allerdings, volkswirtschaftlich betrachtet, selbst hervorgebracht haben bzw. miterzeugen (durch Mehrarbeit, unternehmerisches Tätigsein). Ihr länger-gesundes Arbeitsleben schafft die finanzielle Basis für medizinische Forschung und Innovation, und diese erzeugt weitere Möglichkeiten, um eine gesunde Lebensspanne weiter auszuweiten. Auf Deutsch sagt man dazu: Zweiklassenmedizin. Wer sie nicht (zulassen) will, übt sich in der Abtreibung einer innovationsgetriebenen Gesundheitswelle (Kondratieff 6ff.).

(1) Kenneth G. Manton und andere, Labor force participation and human capital increase in an aging population and implication for U.S. research investment, Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, vol. 104, no. 26, 15. Juni 2007, S. 10802-10807.

(2) Kenneth G. Manton, XiLiang Gu & Vicki L. Lamb, Change in chronic disability from 1982 to 2004/2005 as measured by long-term changes in function and health in the U.S. elderly population, Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, vol. 103, no. 48, 28. November 2006, S. 18374-18379.

(3) Medizinische Innovationen verlängern das Leben, Mafexblog, 14. 8. 2008.

(4) Roland Berger Strategy Consultants (2007a): Den demografischen Wandel erfolgreich bewältigen.

Roland Berger Strategy Consultants (2007b): Wirtschaftsmotor Alter.

(5) Kazue Haga, & Jochen Röpke, , Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften: Hinweise aus Japan, Mafex working papers 06/2007.

(6) The Economist, The maladies of affluence, , 9. August 2007.

(7) The Economist, Fat and getting fatter, 23. August 2007 .

27.8.07 15:41 (Übernommen am 25.11.2007)

Mittwoch, 22. August 2007

Warum Preise steigen und fallen?

Goldman Sachs Impact on Energy

von Haka Hori

In Frankreich läuft die gegenwärtig dominierende Form des Finanzkapitalismus unter dem Namen „Neo-Kapitalismus“(1), oft auch anglo-sächsischer Kapitalismus genannt, ein Ableger ist der „Heuschrecken“-Kapitalismus. Das folgende ist ein Einblick in seinen Wirkungsmechanismus.

Der nachfolgende Artikel ist wörtlich dem Yahoo Finance Message Board, Aktie HTE, vom 21. August 2007, entnommen. (2)

Keine Kommentare von unserer Seite. Die Quelle – ein Artikel von William King – ist fast ein Jahr alt. Kommentare und Links aus dem Original. Die Überlegungen beziehen sich auf die gegenwärtige Finanzmarktkrise, ausgelöst durch den Zusammenbruch der Spekulationswelle im amerikanischen Immobiliensektor. Die Krise zwingt Investoren und Spekulanten zur Liquiditätsbeschaffung, damit zu Verkäufen auf den Vermögensmärkten aller Kategorien. Die Arbitragetransaktionen – wir berichten in einem späteren Beitrag darüber – greifen auch in die Realökonomie ein. Das Entdeckungsverfahren des Marktes (F. A. von Hayek) läßt sich nur ganz abstrakt als den Regeln von Angebot und Nachfrage folgend betrachten. Ob man das Nachfolgende als „Manipulation“ des reinen Marktes betrachtet oder nicht, ist Nebensache. Hauptsache ist: es ist die Norm. Die Preise, an die sich Marktteilnehmer anpassen, sind immer „schmutzige“, denn andere gibt es nicht.

Wir veröffentlichen diesen Beitrag, weil er deutlich macht, warum bestimmte Markttransaktionen, welche Mafexautoren als „Arbitrage“ bezeichnen, oftmals wenig oder nichts oder eher negative Auswirkungen auf die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft haben.

Zur Information unserer Leser: der US-amerikanische Finanzminister Henry Paulsen war vor seiner Berufung in das Kabinett von George W. Bush Chef der Investment-Bank Goldman Sachs, um die es im Beitrag geht.

Goldman Sachs in 2006 changed the weighting of their commodity index which had a strong influence on the cost of energy as well as for other reasons. There is precedence for GS to manipulate commodities, which I also believe is taking place currently. As always, such info comes after the fact. From The King Report By William J. King Friday, September 22, 2006 In yesterday's Wall Street Journal, Section C, there is a very interesting item in the article headlined "Some Investors Lose Their Zest For Commodities." The article notes that over that past few months, commodity funds have been liquidating commodity holdings. But here's the stunner: "Consider the Goldman Sachs commodity index, one of the most popular vehicles for betting on raw materials. In July, Goldman Sachs tweaked the index's content by cutting its exposure to gasoline. Investors tracking the index had to adjust their portfolios accordingly -- which sent gasoline futures prices tumbling." Prior to Goldman's revision of the Goldman Sachs Commodity Index in July, unleaded gas accounted for 8.45% (dollar weighting) of the GSCI. http://chinese-school.netfirms.com/Abacus-commodity-index-Goldman-Sachs.html Now unleaded gas is only 2.30%. http://www2.goldmansachs.com/gsci/#economic This means that commodity funds had to sell 73% of their gasoline futures to conform to the reformulated GSCI. But it wasn't only commodity funds that were forced to sell. Goldman's decision to lower the weighting of unleaded gasoline in its commodity index and NOT to roll any portion of the GSCI attributable to New York Harbor unleaded gasoline created problems for arbitrageurs and commercial traders as well. Here is the Goldman press release: "On July 12, 2006 Goldman, Sachs & Co. announced that, for the roll occurring in September 2006 (the September Roll) in relation to the Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) futures contract expiring in October 2006, it would roll the existing portion of the GSCI that is attributable to the Reformulated Gasoline Blendstock for Oxygen Blending (RB) futures contract on the New York Mercantile Exchange but would not roll any portion of the GSCI that is attributable to the New York Harbor Unleaded Gasoline contract (HU) contract into the RB contract." http://www2.goldmansachs.com/gsci/articles/gsci_060816194642.html

Goldman's changes probably induced arbs, commercial hedgers, and other traders to sell September and October unleaded gasoline future contracts to avoid possible (settlement, delivery, etc.) problems. September futures expired in August; October contracts expire September 29. So unleaded gasoline prices collapsed in August and September.

(1) Nicolas Domenach, Les hare krishna de la pensée unique nous fatiguent, Marianne, Nr. 538, 11. August, S. 5.

(2) Yahoo Messages

Theoretische Grundlagen:

(a) Joseph Schumpeters Innovationslogik und seine Unterscheidung zwischen primärem Aufschwung/Depression und sekundärem, durch Arbitrage/Spekulation getriebenem Aufschwung/Depression (siehe, Schumpeter, Konjunkturzyklen, 1962).

(b) Die Theorie unternehmerischer Funktionstiefe und Arbitrageskepsis von Jochen Röpke (Strategie der Innovation, 1977; Der lernende Unternehmer, 2002; Röpke & Ying Xia, Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme, Publikationen Mafex Band 10/ 2007).

c) Theorie des Finanzunternehmertums von Cord Siemon, Unternehmertum in der Finanzwirtschaft, Publikationen Mafex Band 7/2006.

22.8.07 08:48 (Übernommen am 25.11.2007)